Ein Jugendlicher hält sich eine Hand aufrecht mittig vor das eigene Gesicht, sodass eine Gesichtshälfte im Schatten verschwindet und nur die andere Hälfte leicht beleuchtet bleibt.
pixabay cc-0 by slightly_different

YouTube-Video: Das ist doch voll schwul! Jugendliche und ihr Coming-out

Drei Jugendliche berichten von Coming-out Erfahrungen, Mobbing und Ausgrenzung, positiven Reaktionen ihrer Eltern und wie sie ihr Leben in und nach der Schule gestaltet haben. Ein Video, das zum Diskutieren und einer thematischen Vertiefung einlädt.

61% aller Deutschen wollen laut einer Studie möglichst wenig mit Homosexualität zu tun haben.
Das Suizidrisiko bei homosexuellen Jugendlichen ist drei- bis viermal so hoch wie bei heterosexuellen Jugendlichen.

Das Video holt die Zuschauer*innen mit diesen Aussagen gleich am Anfang schnell ins Thema. Verschiedene Studien zeichnen seit vielen Jahren ein annähernd gleichbleibendes, ein sehr ähnliches Bild. Auch, dass die Mehrheit der homosexuellen Jugendlichen erst nach der Schulzeit ihr äußeres Coming-out gestalten, ist belegt.
Nun ist dieser Film schon über 10 Jahre alt und einige könnten behaupten "Das ist doch heute alles anders! Total veraltete Darstellung!" - aber da muss ich euch leider enttäuschen. Schule ist noch immer kein sicherer Ort. Sowohl queere Lehrkräfte als auch queere Schüler*innen erleben immer wieder erhebliche Vorurteile, Diskriminierungen, Mobbing, Ausgrenzungen und Gewalt.

Um die Sichtbarkeit zu fördern und damit mehr Begegnung und weniger Berührungsängste zu ermöglichen, um Fallbeispiele außerhalb der eigenen Peergroup zur Ermutigung aller einzubringen und eine Diskussionsgrundlage zur Verfügung zu stellen, scheint uns dieses Video gut geeignet.

Der coming-Out Film "Das ist doch voll schwul! Jugendliche und ihr Coming-out" von Sabrina Dittus (27:22 min) aus dem Jahr 2011 ist auf YouTube verfügbar:
https://www.youtube.com/watch?v=9rOyGAZnadk
(Kurzlink: https://t1p.de/04ck)

Wir erfahren von drei jungen Menschen, wie ihr Coming-out Prozess, ihre Schulzeit und die Zeit danach war:

Frankie berichtet von ihrem Outing, das ohne eigene Kontrolle durch eine 'plaudernde' Freundin an der Schule stattfand. Ein Schockmoment, eine Überforderung. Durch das Fremd-Outing begann für sie ein Spießrutenlauf an der Schule bis sie schließlich in der 11. Klasse die Schule abbricht. Frankie hat sich anschließend ein komplett neues Umfeld aufgebaut, Selbstbewusstsein hinzugewonnen. Vor allem die Unterstützung ihrer Mutter war ihr eine Hilfe: beim Coming-out reagierte ihre Mutter entspannt, da sie es bereits vermutete und "erleichtert" war, dass es "nur das" ist und nicht z.B. eine Schwangerschaft der jungen Tochter angekündigt wird. Mittlerweile ist Frankie selbst aktiv, um andere junge Lesben zu unterstützen und holt ihr Abitur nach.

Wir lernen Markus und seine Diskriminierungserfahrungen in einer Kleinstadt bei Berlin kennen. Für Markus fühlte sich sein Coming-out-Prozess selbstbestimmter an und als er seinen Eltern von seiner Homosexualität erzählte, waren diese erleichtert - vermutet hatten sie es schon lange, warteten aber geduldig darauf, dass er selbst bereit ist, mit ihnen darüber zu sprechen. Seine Mobbing- und Ausgrenzungserfahrungen begannen schon in der 4. Klasse, hielten bis zur 10. Klasse an und waren für ihn sehr verletzend, erschwerten seine schulische Leistungserbringung wesentlich. Unterstützung durch bspw. Lehrkräfte gab es seiner Aussage nach kaum. Er beendete die Schule und begann eine Ausbildung. Eine wichtige Unterstützung war ein ebenfalls schwuler Freund aus Kindergartenzeiten. Und seine Anbindung und Nähe zu Berlin. Dorthin will er nach der Ausbildung dann auch ziehen.

Sinan hatte sein Coming-Out gegenüber seinen Eltern und erfuhr Unterstützung. Er war zuerst sehr unsicher, wie sein muslimischer Vater reagieren würde und erleichtert über dessen positive Reaktion. Sein nächstes Vorhaben - sein Coming-Out an der Schule - gelang nicht auf den ersten Versuch: die "größte Tratschtante" der Schule erzählte seine Information nicht wie erhofft überall weiter. Also wählte er einen anderen Weg und erfuhr an seiner Privatschule große Unterstützung. Er verlor keine Freund*innen jund gewann sogar neue hinzu. Als Vorbild hatte er noch weitere Personen dazu ermutigt es ihm nachzumachen. Sinan wird gezeigt mit seinem Freund Pascal, wie sie eine Demonstration gegen den Pabst besuchen und äußert sich zu erwünschten Veränderungen unserer Gesellschaft.

Ein kurzer Abschnitt im Video zeigt auch zwei Referent*innen des LSVD, die mit einer Schulklasse zum Thema Homosexualität arbeiten. Die Äußerungen der Schüler*innen sind ausschließlich positiv, offen, wohlwollend. Die Lehrkraft analysiert anschließend: Die Schüler*innen haben sich nicht geöffnet. Sobald es sie selbst betreffen würde, wären die Äußerungen vermutlich andere.
(Anmerkung: Das Phänomen der "sozial erwünschten  Antworten" ist eine wiederkehrende Herausforderung in Workshops. Diese Szene ist sehr geeignet, um in einer Multiplikator*innenschulung in die Strategieentwicklung einzusteigen, auf welche Art und Weise damit in Veranstaltungen umgegangen werden könnte.)

Beratungsstellen und Hilfsnetzwerke werden - ganz nebenbei - erwähnt. Das wäre entsprechend für ein regionales bzw. lokales Hilfenetzwerk für die Kommunikation mit der jeweiligen Zielgruppe durch die Veranstaltungsleitung vorzubereiten: "Wohin kann ich mich vor Ort wenden, um Unterstützung bei Fragen, Wünschen oder Problemen zu erhalten?"
Im Video gezeigt werden:

  • Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e. V. (LSVD)
  • Beratungsstelle in Potsdam
  • Lambda Jugendnetzwerk
    (Anmerkung: Das tolle Peer-to-Peer-Beratungsangebot findet ihr hier: https://comingout.de/ )
  • Lesbenberatung

Besonders schön: Frankie wird am Ende noch beim Styling als Drag King gezeigt. Dies bietet einen Einstieg in die vertiefende Diskussion zu Geschlechterrollen und -vielfalt an, um den Blick über das Thema Homosexualität hinaus zu heben und die Informationen noch zu erweitern.

Ideen für die Praxis: Der Film eignet sich unserer Meinung nach z.B. zwischen einer Einführung ins Thema zur anschließenden Erweiterung der Diskussion und Wissensvermittlung: Begriffe wie drag, trans* und inter*, nicht binär und pansexuell könnten anschließend erläutert werden oder auch komplexere Themen wie Geschichte und Forderungen des Feminismus, Gesellschaft im Matriarchat / Patriarchat oder Umgang mit toxischer Männlichkeit als Gesundheitsprävention könnten im weiteren Verlauf vermittelt und diskutiert werden. Abhängig von eurer Zielgruppe eignet sich der Einsatz dieses Videos auch für verschiedene weitere Diskussionen, deren Themen aufgeworfen werden: vielfältige Familienmodelle, Teenagerschwangerschaften, Formen und Ausdruck von Konsens, Freundschaft und Liebesbeziehungen, Mobbing und Empowerment, Schulabbruch bzw. Schulabschlüsse nachholen und Wege in die Ausbildung, Auszug aus dem Elternhaus / die erste eigene Wohnung, Sexualität & Religion, Umgang mit Gefühlen wie z.B. Angst und Überforderung, (Jugend-) Hilfesystem und spezialisierte Beratungsangebote, Subkulturen, Gewaltprävention und Verhalten bei der Beobachtung von Straftaten (als Helfende*r oder Zeug*in) u.a.

 

Habt ihr weitere Ideen oder Hinweise? Kennt ihr den Film bereits und habt ihn vielleicht sogar schon in Veranstaltungen eingesetzt? Erzählt uns von euren Erfahrungen in der Kommentarspalte!

 

Verfasst von: Katja Wollmer, Referentin für Sexuelle Bildung, pro familia Bundesverband

Oops, an error occurred! Request: 972f0b90d7a99